Das Gewicht des Glases

Das Gewicht des Glases

Es war einmal ein Psychologieprofessor, der während eines Vortrags ein Glas Wasser erhob und anstelle der erwarteten Frage “Ist das Glas halb leer oder halb voll?”, fragte: “Wie schwer ist dieses Glas?“

Er antwortete sich selbst: “Aus meiner Sicht spielt das absolute Gewicht dieses Glases keine Rolle. Es kommt darauf an, wie lange ich es halte. Wenn ich es für eine oder zwei Minuten halte, ist es ziemlich leicht. Wenn ich es eine Stunde lang halte, wird mein Arm sich verkrampfen und sich völlig taub und gelähmt fühlen. Es einen Tag lang zu halten, wäre unmöglich.

Das Gewicht des Glases ändert sich nicht, aber je länger ich es halte, desto schwerer fühlt es sich für mich an.”

Das Geheimnis von Scheherazade,  der Zeigarnik Effekt und strategische Unterbrechungen

Das Geheimnis von Scheherazade, der Zeigarnik Effekt und strategische Unterbrechungen

Scheherazade ist die Erzählerin der morgenländischen Geschichten von Tausendundeiner Nacht. Jede Nacht erzählt sie dem König, der sie am nächsten Morgen töten lassen will, eine Geschichte. Sie erzählt und erzählt, am Morgen ist die Geschichte jedoch immer noch nicht zu Ende. Neugierig auf die Fortsetzung, lässt der König Schecherezade am Leben. Dieses Spiel geht 1001 Nacht so weiter. Am Ende sieht der König davon ab, sie umzubringen. Was geht hier vor? Es ist der Zeigarnik-Effekt im Spiel!

Der Zeigarnik-Effekt ist ein psychologischer Effekt über unser Erinnerungsvermögen. Es geht um den Gegensatz zwischen abgeschlossenen und unterbrochenen Dingen. Man erinnert sich an unterbrochene, unerledigte Aufgaben besser als an abgeschlossene. Eine angefangene Sache baut eine Spannung der Aufmerksamkeit auf, die dann mit dem Abschluss abgebaut wird. Bei einer Unterbrechung bleibt die Spannung erhalten. Die Aufgabe bleibt im Gedächtnis. Und, interessanterweise, ist dieser Effekt auch in der Arbeitspsychologie am Werk. Unterbrochene Aufgaben benötigen gesamthaft manchmal weniger Zeit als Aufgaben, die an einem Stück erledigt werden. Interessant, nicht wahr!? Wer kennt den Spruch nicht „Ich schlafe darüber“ und tatsächlich ergibt sich am nächsten Tag ist eine Lösung!

Warum ist das für Redner und Geschichtenerzähler interessant zu wissen? Weil wir unsere Reden und Geschichten auf ähnliche Weise spannender machen können! Da kommt der Begriff „Verschachtelte Schleifen“ zum Zug, auf Englisch „Nested Loops“. Die Bezeichnung wurde aus der Informatik entlehnt. Das sind bewusst eingelegte Unterbrüchen in der Erzählung. Das geht so: man beginnt mit einer Geschichte, oder einem Thema, unterbricht sie jedoch auf dem Höhepunkt, man beginnt eine zweite Geschichte, unterbricht sie auf dem Höhepunkt, beginnt eine dritte Geschichte und unterbricht auch diese auf dem Höhepunkt. In diesem Moment ist die Aufmerksamkeit der Zuhörer so zugespitzt, dass hier die beste Stelle ist, die zentrale Aussage zu machen. Sei es einen Aufruf zur Handlung, oder einen prägnanten Spruch mit welchem ein Vorgesetzter seine Mitarbeiter motivieren will, das ist der Moment, dies zu tun!

Es ist nämlich ein Grundgesetz der Kommunikation, dass es weniger wichtig ist, was gesagt wird, sondern viel wichtiger ist es, was beim Zuhörer ankommt. Eltern von Teenagern können dies bestätigen. Die verschachtelten Schleifen sind also eine gute Methode, Inhalte dynamisch und spannend zu präsentieren in dem die Spannung geschickt aufgebaut und die Aufmerskamkeit des Zuhörers zugespitzt wird.

Und dahinter ist die Wirkung des Zeigarnik-Effekts! Und das ist auch, was Scheherezade das Leben rettete!

Haben Sie also den Mut Unterbrüche zu machen und verschachtelte Schleifen in Ihre Reden einzubauen! Das geht elegant mit Einführungen wie „Oh, dass erinnert mich an etwas Anderes“. Ihre Geschichten werden dadurch nur spannender werden!

Viel Spass beim experimentieren!