Um eine problematische Gewohnheit oder ein unerwünschtes Verhalten loszuwerden, muss zuerst verstanden werden, wie deren Mechanismus funktioniert. Es is oft erstaunlich, wie schnell sich die Dinge klären lassen und wie einfach es ist, mit unerwünschten Gewohnheiten aufzuhören, wenn ihr Mechanismus aufgedeckt worden ist!

Es gibt ein Modell, das hilft, jede Situation und jedes Erlebnis sinnvoll zu analysieren. Insbesondere ist es nützlich bei der Setzung von Zielen und die Aktivierung von Ressourcen für deren Erreichung. Es geht um das Gestaltungsebenen-Modell, das hier kurz erklärt wird. Das Modell der Gestaltungsebenen wurde von Gregory Bateson (1904-1980, Anthropologe und Linguist) und Robert Dilts (geb. 1955, Author und Trainer) entwickelt. Dem gemäss findet jedes menschliche Erlebnis gleichzeitig auf mindestens sechs abstrakten Ebenen statt:

Zugehörigkeit / Sinn
Identität / Rolle
Werte / Glaubenssätze / Motivation
Fähigkeiten / Wissen
Verhalten
Umgebung

Die einzelnen Ebenen bauen aufeinander auf und beeinflussen sich gegenseitig. Sie werden oft als eine vertikale Hierarchie oder als eine Pyramide dargestellt. Die jeweils höhere Ebene organisiert Informationen der darunterliegenden Ebene. Im Allgemeinen wird angenommen, dass sich Probleme nicht auf der gleichen Ebene lösen lassen, auf welcher sie sich abspielen, sondern auf der darüber liegenden Ebene. Somit ist ein Problem auf der Verhaltensebene nicht einfach durch ein anderes Verhalten zu ersetzen. Es ist im Sinne des Erfolgs notwendig, Veränderungen auf den höheren Ebenen einzuleiten.

Anhand eines Beispiels lässt sich das Gestaltungsebenen-Modell einfach veranschaulichen. Stellen Sie sich einen Arzt in seiner Praxis vor, was läuft ab?

1. Die Umgebung: die Praxis, mit einem Arbeitstisch, Patientenstuhl und Liege ausgestattet. Die beteiligten Personen sind der Arzt und der Patient. Eventuell gibt es medizinische Geräte und Instrumente oder eine Assistentin steht dem Arzt zur Seite.

2. Verhalten: Während der Sitzung hört der Arzt dem Patienten zu, stellt Fragen, untersucht den Patienten, schreibt Rezepte, eventuell führt er eine Behandlung durch.

3. Fähigkeiten: Der Arzt macht Gebrauch von Fähigkeiten, die er sich durch Ausbildung und Erfahrung angeeignet hat. Er hat Prüfungen bestanden, Praktika absolviert und eine Zulassung als Arzt erworben.

4. Werte, Glaubenssätze und Motivation: Damit er diese Fähigkeiten einsetzen und Patienten behandeln kann, muss er gewisse Glaubenssätze haben. Zumindest muss er glauben, dass Verbesserung durch medizinische Behandlung möglich ist und dass er fähig ist, eine solche auszuführen. Er muss auch Wert darauf legen, Patienten helfen zu können.

5. Identität: Während er Patienten behandelt, nimmt der Arzt seine „Arzt-Identität“ an. Er ist für den Patienten da und legt vorübergehend seine anderen Identitäten und Rollen beiseite. Wenn er nicht imstande ist, dies zu tun, kann er dem Patienten nicht helfen. Um diese Identität zu signalisieren, trägt er seine weisse Berufskleidung.

6. Zugehörigkeit und Sinn: Der Arzt versteht sich als Teil der Ärztegemeinschaft. Er hat den Eid des Hippokrates abgelegt. Er hat sein Berufsleben der Mission gewidmet, anderen zu helfen.

Es ist ebenfalls sinnvoll, sich die Gestaltungsebenen nicht in einer hierarchisch-aufgebauten Vertikale zu denken, sondern eher parallel und gleichzeitig zu einander, wie in dieser Graphik: das Zentrum der Kreise entspricht der höchsten Ebene einer vertikalen Darstellung.

Gestaltungsebenen

Die Ressourcen, die einem Menschen zur Verfügung stehen, können genauso wie ihre Probleme und Ziele auch anhand dieses Denkmodells klassifiziert werden. Dabei kann festgestellt werden, auf welcher Ebene Veränderungen sinnvoll sind, sowie welche Ressourcen bereits vorhanden sind, beziehungsweise müssen erst beschaffen werden.

 

Rauchstopp

Wenn man eine unerwünschte Gewohnheit abbrechen will, zum Beispiel, mit dem Rauchen aufhören, ist das Gestaltungsebenen-Modell sehr nützlich. Da einzelne Gewohnheiten bekanntlich nicht in Isolation, sondern in komplexen systemischen Zusammenhängen mit anderen bestehen, kann verstanden werden, wie Verhaltensmustern entstehen, beziehungsweise aufrecht erhalten werden. Es kann davon ausgegangen werden, dass jedem Verhalten eine positive Absicht zugrunde liegt. Verhalten und Absicht sind auf verschiedenen logischen Ebenen zu denken. Das Verhalten wäre in einer vertikalen Darstellung ganz unten, die Absicht jedoch, welche das Verhalten treibt, ist mit einer höheren Ebene, jener der Werte, verbunden. Eine Veränderungsarbeit ist nur dann erfolgreich, wenn Wege gefunden werden, der positive Absicht, die das unerwünschte Verhalten treibt, durch erwünschte Verhaltensweisen gerecht zu werden.

Die folgenden Fragen bringen wichtige Informationen in Erfahrung:

Kontext: Situationen und Wahrnehmung: In welcher Umgebung tust du etwas? Wo und wann? Personen, Dinge, Orte, welche dein Verhalten fördern? Ist ein bestimmter Zeitpunkt/Zeitort massgebend?

Verhalten: Beobachtbare Tätigkeiten und Handlungen (Problem- und Zielbestimmung): Was willst du ändern? Was wünschst du stattdessen?

Fertigkeiten, Wissen und Erfahrungen: Was denkst du, wenn du das tust? Welche Erfahrung wird hier aktiviert? Welche neue Erfahrungen wirst du mit dem neuen Verhalten machen?

Glaubenssätze, Motive, Werte, Überzeugungen, Visionen: Warum tust du das? Was ist dir wichtig dabei? Wovon bist du überzeugt?  Warum willst du was ändern? Was bewegt dich, eine Veränderung anzustreben?

Werte können sich hierarchisch gestalten und zudem widersprüchlich zu einander sein. Es ist deshalb wichtig, die Widersprüche zu entdecken und auszuräumen, denn versteckte Konflikte können die Nachhaltigkeit des Erfolgs der Veränderungsarbeit sabotieren.

Identität und Rolle, Selbstbild und Selbstwert: Welche Facette deiner Persönlichkeit kommt dadurch zum Vorschein? Welche Rolle wird aktiviert?

Zugehörigkeit und Sinn: Was ist der Sinn davon? Welches Symbol assoziierst du mit dieser Tätigkeit?

Hier lassen sich prägende Symbole identifizieren. Für einen Raucher z.B. können Symbole, wie der „Marlboro Man“ aus der Werbung, mit einer durchaus erwünschten positiven Eigenschaft in Assoziation stehen. Solche Symbole können und sollen umgedeutet werden: der Marlboro Man-Schauspieler zum Beispiel wurde ein Anti-Rauchen Aktivist, nach dem er an Lungen-Krebs erkrankt ist. Es lassen sich neue Symbole, z. B. ein Freiheitssymbol erschaffen, die mit dem erwünschten Verhalten assoziiert werden.

Da die Gestaltungsebenen einander beeinflussen, ist zu erwarten, dass die Veränderung eines Elementes, eine Kette von weiteren Veränderungen mit sich zieht. Sinnvoll ist es, sich in diesem Prozess von einem Coach begleiten zu lassen.

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Bild Rafaela Beddig