Ungewollte Arbeitslosigkeit trifft heute viele Menschen. Das bedeutet, dass diese ihre Arbeitskraft nicht verkaufen können. Angebot und Nachfrage auf jedem Markt stehen einander in einem fliessenden, sich ständig verändernden Verhältnis gegenüber. Und zur Zeit ist die Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt kleiner als das Angebot. In solchen Zeiten zählt man sich glücklich, wenn man eine Stelle hat. Selbst wenn ein Arbeitnehmer unzufrieden ist, wird er/sie die Stelle kaum von sich aus kündigen.

Warum können nicht alle Stellensuchenden ihre Arbeitskraft verkaufen? Ist der Preis (der Lohn) zu hoch, oder ist der Wert (der Arbeit) zu klein? Warum kann ein Arbeitssuchender nicht einfach seinen Preis senken und somit Käufer anziehen, die zu diesem Preis bereit wären, die Ware zu kaufen? Weil der Arbeitsmarkt eben anders als andere Märkte ist. Ein Schnäpchen auf dem Arbeitsmarkt ist anders als etwa ein Schnäpchen auf dem Immobilienmarkt. Im Immobilienmarkt endet die Transaktion zwischen Käufer und Verkäufer mit dem Austausch der Ware zum ausgemachten Preis. Im Arbeitsmarkt ist dies jedoch anderes: der Austausch zwischen Käufer und Verkäufer endet nicht mit dem Vertragsabschluss, er fängt erst an! Die Arbeitnehmer müssen nicht nur zur Arbeit erscheinen, sie sollen zudem auch noch motiviert sein und gute Arbeit liefern! „Gratuliere! Sie haben den Job“ ist nicht der Abschluss der Transaktion, es ist der Anfang! Es ist „Hallo, wir werden ab jetzt einen grossen Teil unserer Wachzeit zusammen verbringen.“

Der Arbeitgeber gewinnt wenig, wenn er eine Arbeitskraft zu einem tieferen Salär anstellt, wenn diese unzufrieden und unmotiviert ist. Zudem kann der Arbeitsuchende einen gewissen Preis nicht unterschreiten, denn er muss seine Lebenskosten decken können. Zwischen dem Preis, zu dem der Arbeitssuchende bereit ist, eine Stelle anzunehmen und dem Preis, den der Arbeitgeber zu zahlen bereit ist, entsteht daher oft eine Spalte. In diese Spalte landen die Menschen, die keine Stelle finden. Der Handel findet nicht statt.

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Bild Rafaela Beddig