Der Begriff „Umdeutung“, oder eine andere Bedeutung verleihen, hat, wie der Wortstamm zeigt, mit Deutung und Interpretation zu tun. Die Bedeutung, die wir etwas zuschreiben, ist subjektiv und kontextabhängig. Und vor allem, die Bedeutung ist flexibel. Als Beispiel nehme ich die aus der Bibel bekannten 7 Todsünden und zeige, wie sie kaum mehr von Tugenden zu unterscheiden sind, wenn sie ergebnisorientiert eingesetzt werden. Warum gerade die 7 Todsünden? Weil sie eben starke Motivatoren sind, oder „Treiber“ (Drivers), wie es in der Verhaltenspsychologie heisst.

Hochmut. Wie wäre es, wenn man das als Heldendenken versteht? Geht es nicht eigentlich um Selbstwertgefühl, Anerkennung des eigenen Potentials und Würdigung des eigenen Platzes in der Welt? Ist das nicht genau das, was man braucht, um wertverändernde Projekte einzuleiten? Das Glauben, man hätte das Zeug die Welt zu verändern, ist eine Voraussetzung für gewagte und revolutionäre Handlungen. Das müssen alle Unternehmen in ihrer Werbung zum Ausdruck bringen. Die Selbstdarstellung und das Heldengerede auf der Website eines Grosskonzerns: „Wir sind die Nummer 1, der weltweite Führer, die Besten, die Zuverlässigsten“, das soll nicht nur die Kunden zu Geschäften motivieren, sondern auch die Angestellten, für ein solches Unternehmen arbeiten zu wollen!

Neid. Wir sind vorprogrammiert, uns mit anderen zu vergleichen und zu messen. Sich den Vorrang und den Vorsprung anderer einzugestehen und sich zu wünschen, man wäre genau so gut und sogar besser, kann grosse Handlungsenergie auslösen. Wir leben in einer kompetitiven Kultur, in dem man andauernd an irgendwelchen Messlatten gemessen und bewertet wird. Neid signalisiert uns, dass etwas fehlt. Neid bring den Fokus auf das, was man selbst im Leben gern hätte und ist somit ein gewaltiger Antreiber zur Leistungssteigerung.

Wollust. Sex ist ein grosser Trieb und ein grosser Motivator. Wenn jemand sich in Form hält, um attraktiver zu sein und dabei etwas Gutes für die Gesundheit tut, ist das nicht zu begrüssen? Oscar Wilde hat es gesagt: „Bei Allem im Leben geht es um Sex, ausser beim Sex, beim Sex geht es um Macht“. Macht kann man auch aus Autorität betrachten, die Möglichkeit Einfluss zu nehmen, in der Position sein, etwas zu bewirken. Diese kann wiederum für gesellschaftsverändernden Projekte eingesetzt werden. Wenn es einem egal ist, wie man aussieht oder da steht, dann soll man besorgt sein.

Trägheit. Effizienz wird in der heutigen Gesellschaft gross geschrieben. Es ist nicht die Menge, sonder die Qualität der Bemühungen, die zählt. Eifrig das Falsche zu tun anstatt einen effizienteren Weg finden, ist Dummheit. Wenn jemand durch den Gedanken motiviert wird: „So bin ich schneller und einfacher am Ziel“, so ist das keine Trägheit, sondern Effizienz! Viele Erfindungen sind zustande gekommen, weil man sich Mühe sparen wollte.

Zorn. Um die Welt verändern zu wollen, muss man manchmal richtig zornig sein. Zorn kommt, wenn Grenzen überschritten werden. Um diese wieder herzustellen, wird aufgestanden. Zorn ist ein grosser Antreiber der Veränderungen.

Völlerei. Es geht um ein unersättliches Verlangen nach etwas. Diese Unersättlichkeit muss sich nicht zwangsläufig auf das Essen beziehen. Sie kann sich auch auf Energie oder Leistungsfähigkeit oder auf Glück beziehen. Weltrekorde kommen durch den immer grösseren Appetit auf Erfolg und Leistung zustande. Wer aufhört, besser zu werden, hat aufgehört, gut zu sein, lautet eine Redewendung.

Habgier. Sparsamkeit, mit weniger Auskommen, sich ein Polster für das Alter aufbauen, das sind alles Ergebnisse der konstruktiven Seite des Bestrebens nach Besitz und Eigentum. Habgier kann man auch in Bezug auf Wissen, Informationen, Technologien, etc. haben! Je mehr Ressourcen vorhanden sind, umso mehr Gutes kann in der Welt bewirkt werden, nicht wahr?

Nicht alle Beispiele dieser Umdeutung der 7 Todsünden sind gleich ernst zu nehmen. Das Experiment soll jedoch veranschaulichen, wie gross die Kontextabhängigkeit der Bedeutung ist. Es lohnt sich, die Kehrseite von allem anzuschauen, denn alles Übertriebene kann ins Gegenteil kippen.

© Teodora Rudolph. All rights reserved 2017, Zürich, Schweiz

Bildkredit an Negative Space